Fashion Founding

Der Traum vom eigenen Laden

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Wie oft habe ich diesen Satz gehört: „Ich hätte auch so gerne einen eigenen Laden.“ Der Traum vom eigenen Geschäft zieht sich durch alle Generationen und wird nicht nur hierzulande häufig geträumt. Da herrscht so eine romantische Vorstellung im Kopf. Morgens schön einen Kaffee unterwegs holen, entspannt aufsperren, sich am eigenen Sortiment erfreuen, nette Kunden bedienen, sein eigener Chef sein, einkaufen was das Herz begehrt, jeden Tag Bares auf Tasche und v.a. wenig Stress haben.

Nun, aus meiner Erfahrung weiß ich, dass es so einfach und rosarot nicht ist, ein Shop-Inhaber zu sein. Mit meinem Partner habe ich innerhalb von sechs Jahren fünf Workaholic Stores aufgebaut und betrieben. Wir standen als Inhaber sehr oft selbst im Verkauf und hatten glorreiche wie schwierige Zeiten. Wir waren überzeugt von unserem Konzept, Mode und Musik auf einmalige Weise miteinander zu verbinden, fungierten als Plattform für diverse kleine Modelabels aus Berlin und entwickelten uns mit der Zeit zu einem der erfolgreichsten Hersteller und Verkäufer von Label/Artist-Merchandise Artikeln im Bereich elektronischer Musik.

Der Einzelhandelsmarkt hat sich in den letzten drei Jahren extrem verändert. Selbst in Berlin schließt eine Institution nach der anderen oder sieht man Neueröffner nach einem halben Jahr die Segel streichen. Einkaufsstraßen wie die Kastanienallee im Prenzlauer Berg oder die Kopernikusstraße in Friedrichshain erkennt man kaum noch wieder, da viele Schaufenster in kurzer Zeit mit neuen Logos geschmückt wurden. Der Hauptgrund dafür ist die Online-Konkurrenz. Webshops liefern so ziemlich alles und das meist innerhalb von zwei Tagen und ohne Versandkosten. Die großen Anbieter kaufen zu besseren Konditionen Waren ein, bieten das ganze Jahr über Sale und erreichen ihre Zielgruppe mittels hoher Marketing-Budgets täglich über diverse Kommunikationskanäle. Hinzu kommt, dass Innenstädte jedes Jahr einen Zuwachs an Filialen internationaler Mono-Brand-Stores und Konzerne wie Zara, H&M, Topshop, Primemark usw. verzeichnen. In Filialen dieser Anbieter findet der Kunde kostengünstige Modeartikel und mitunter jede Woche neue Kollektionen oder Produkte. Das Resultat für den kleinen Händler um die Ecke sind sinkende Umsätze und als Folge des Sale-Wahnsinns schrumpfende Gewinne. Im Fashion Segment ist dieser Trend besonders gut nachvollziehbar. Momentan und vielleicht auch in naher Zukunft einen inhabergeführten Laden zu eröffnen will sehr gut überlegt sein. Ich möchte nicht behaupten, dass dieses Vorhaben keinen Erfolg mehr erzielen kann. Aber ich weiß, dass es sehr schwierig ist, mit einem Einzelhandelsgeschäft Gewinn bringend zu wirtschaften.

Da ich stets dafür bin, realistisch optimistisch zu denken, werde ich in einer kleinen Serie von Blog-Artikeln die in meinen Augen wichtigsten Punkte beschreiben, welche für den Erfolg eines Stores im stationären Einzelhandel maßgeblich sind. Ich hoffe, damit euer Bewusstsein zu schärfen. Ich will den Finger in Unsicherheiten bohren. Denn Unsicherheiten sollten sichtbar sein, euch klar sein und im besten Fall beseitigt werden. Als Auftakt wähle ich den Faktor Standort. Ein Punkt, der von uns Workaholics mehrmals unterschätzt wurde und der uns viel Geld gekostet hat.


1. Der Standort ist das Salz in der Suppe

Der Standort eures Geschäfts ist einer der wichtigsten Erfolgsfaktoren überhaupt. Damit meine ich nicht, dass man im richtigen Bezirk anmieten sollte, auch nicht nur in der richtigen Straße, sondern es sollte der perfekte Teil der Straße sein, im passenden Gebäude, mit verständnisvollen Nachbarn!

Was die Kastanienallee angeht, dachten in unserem Fall viele Gesprächspartner, dass die Straße eine sichere Bank für einen Laden wäre. In den ersten beiden Jahren dort konnten wir uns nicht beklagen, wir hatten einen ausgezeichneten Start nach der Eröffnung. Als mit dem Jahr 2014 generell immer weniger Kunden in Offline-Shops einkaufen gingen, stellten wir fest, dass wir mit unserer Position so mittendrin auf der Allee weniger gut dran waren als die Ladeninhaber an den beiden Enden. Da die Straße lang ist, steigen Touristen oftmals an einem Ende aus, beginnen zu shoppen, drehen entweder irgendwann wieder um oder kommen auf der Hälfte an und haben bereits kein Budget mehr. Während bei uns kaum Leute am Fenster vorbei liefen, tummelten sich zahlreiche Kunden nahe der Eberswalder Straße oder am Rosenthaler Platz.

Bevor ihr einen Mietvertrag unterzeichnet, klärt unbedingt mit den Vermietern ab, ob in näherer Zukunft Baumaßnahmen am Gebäude oder auf der Straße davor geplant sind! Was Baumaßnahmen auf der Straße oder dem Bürgersteig angeht, wendet euch ggf. auch an die Bezirks- bzw. Stadtverwaltung oder an die öffentlichen Verkehrsbetriebe! Es wäre doch schade, wenn kurz nach eurer Neueröffnung ein Gerüst am Haus angebracht wird oder die Straße für den Autoverkehr gesperrt. Dass sich manchmal eine temporäre Verlegung der Haltestellen auch positiv auswirken kann, lernten wir in unserem Workaholic Store auf der Kopernikusstraße. Die Tram-Haltestation befand sich aufgrund von Sanierungsarbeiten an einem Nachbarhaus vorübergehend direkt vor unserem Geschäft. Da die Tramlinie nur alle 10 oder 20 Minuten verkehrt, wurden einige der wartenden Fahrgäste von unseren Schaufenstern in den Laden gelockt und manch einer hat sich zu einem Spontankauf hinreißen lassen.

Wie wichtig die verständnisvollen Nachbarn sind, durften wir in unserer Adresse auf der Karl-Marx-Allee feststellen. Wir hatten ein wunderschönes Objekt in einem der alten Zuckerbäcker-Bauten aufgetan. Dort gab es neben der Ladenfläche genug Platz, um das eine oder andere Event zu starten. Leider hatten wir nicht damit gerechnet, dass die Nachbarn über uns noch nicht einmal den Klang meiner Absatzschuhe ertragen konnten. Und so hatten wir bereits zur Eröffnung das erste Mal die Polizei vor der Tür stehen, obwohl diese Tage vorher in allen Hausfluren angekündigt wurde. Den Höhepunkt des Unverständnisses stellte später eine Anzeige wegen „mutwilliger Lärmbelästigung“ dar. BE-AT.TV filmte damals die allererste Session aus Berlin bei uns im Laden. Es handelte sich um einen Live-Stream von 18-22 Uhr. Vier Upon.You Acts legten je eine Stunde lang auf. Bereits kurz nach 19 Uhr rückte die Polizei das erste Mal an und bat (live übertragen) um das Ausstellen der Musik. Wir versprachen um 22 Uhr Feierabend zu machen und erklärten, dass es sich nicht um eine Party handle, sondern um eine im Internet mitverfolgbare Sendung. Es ging weiter. Bis um 22.05 Uhr die Polizei erneut anrückte und damit drohte, die Technik einzukassieren, wenn wir nun nicht sofort Schluss machen würden. Das war ohnehin nicht anders geplant, die „überzogene Zeit“ hatte jedoch die erwähnte Anzeige zur Folge. Glücklicherweise gab es den Live-Stream auch später noch als Link, so dass wir glaubhaft versichern konnten, dass es sich nicht um eine mutwillige Lärmbelästigung handelte, sondern um eine Veranstaltung, die eng mit unserem Geschäftsmodell verknüpft ist, welches den Vermietern bekannt war. Um die Strafzahlung kamen wir herum. Klar war jedoch, dass die tolle Fläche nicht wie im Business Plan angedacht als Eventlocation taugte und wir zusätzliche Einnahmen auf diese Weise somit vergessen konnten.

Nicht ganz einfach ist die Abwägung, wie tief man für einen guten Standort in die Tasche greifen sollte. Generell kann man davon ausgehen, dass Gegenden in A-Lage mit einem höheren Quadratmeterpreis verbunden sind. Doch hierbei ist es sinnvoll, eine Grenze im Kopf zu behalten. Wenn euch ein Laden in bester Lage monatlich 5.000 EUR kostet, müsst ihr regelmäßig ca. das Vierfache an Umsatz erzielen, um rentabel zu wirtschaften. Wie ich auf diese Angabe komme, erläutere ich in einem meiner nächsten Artikel zum Thema Kalkulation. Ist das realistisch? Schafft ihr es mit eurem Angebot und eurer Warenbestellung monatlich 20.000 EUR Umsatz zu machen? Wie viele Artikel müsstet ihr täglich verkaufen?

Nun könntet ihr sagen, ihr wollt ohne Laufkundschaft auskommen und dass die Lage dann nicht so wichtig wäre. Ich würde widersprechen. Selbst wenn ihr es schafft, dass ausreichend Leute gezielt zu euch kommen, so wollen diese dennoch nicht durch die halbe Stadt fahren. Da es heute im Grunde alles schnell und günstig online gibt, nimmt die Bereitschaft ab, weite Wege auf sich zu nehmen. Wenn dann auch noch kein Bahnhof in der Nähe ist oder die Bahnen nur alle 20 Minuten fahren oder es an Parkplätzen mangelt, werden nur noch wenige Stammkunden regelmäßig zu euch kommen.

Klingt alles negativ? Das ist nicht meine Absicht! Ich will euch motivieren, genau hinzuschauen und aufrichtig zu euch selbst zu sein. Überlegt, ob ihr alles wirklich gut durchdacht habt! Es bringt euch nicht weiter, blind Mut gemacht zu bekommen. Ihr sollt nachhaltig erfolgreich selbstständig sein! Dabei helfe ich euch gern, ehrlich und mit jeder Menge eigener Erfahrung im Gepäck.

Habe ich Argumente vergessen? Was versteht ihr nicht? Von welchen Erfahrungen könnt ihr zum Thema Standort berichten? Ich freue mich auf eure Kommentare!

Wenn ihr eine konkrete Beratung zu eurem Vorhaben, eurer Ladeneröffnung oder zum Betrieb eures Ladens braucht, schickt mir eine Mail über das Kontaktformular! Oft ist es besser, ein paar Euros zu investieren, um später viele Euros zu sparen oder zu verdienen.

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4 Comments

  • Reply
    Jöran
    16. November 2016 at 13:42

    Liebe Caro,

    toller Beitrag, habe ich mit Begeisterung gelesen. Bitte mehr davon. Es macht Spaß, von deinen Erfahrungen zu lernen. Du erklärst die Dinge ausreichend tiefgründig aber einfach verständlich. Weiter so!

    Liebe Grüße,
    Jöran

  • Reply
    ck_admin
    16. November 2016 at 14:28

    Hallo Jöran,
    ich danke dir für dein Feedback!
    Wenn es so ankommt, wie du es beschreibst, dann habe ich ein Ziel erreicht.
    Genau so will ich schreiben, so dass mich jeder verstehen kann, mich nicht hinter Fachbegriffen versteckend.
    Ich verspreche, es folgt noch viel mehr! 😉
    Dann bis ganz bald!
    Liebe Grüße,
    Caro

  • Reply
    Samira
    16. November 2016 at 16:39

    Hey Caro, ich bin gerade erst auf deine Seite gestoßen, super! Auch ein sehr spannender Artikel und toll geschrieben. Von dir kann man wirklich eine Menge lernen!
    Liebe Grüße,
    Samira

    • Reply
      ck_admin
      16. November 2016 at 19:51

      Hallo Samira,
      vielen Dank für dein Feedback! Freut mich sehr, dass ich anscheinend transportieren konnte, was ich im Sinn hatte.
      Es kommen regelmäßig neue Beiträge. Der Blog ist noch ein „Frischling“. Like mich gern auch auf Facebook, dann verpasst du nichts. 😉
      Liebe Grüße,
      Caro

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